Lily O'Connor ist 30 und hat Epilepsie. In einem Küstenort im Norden Englands arbeitet sie in einem Spielkasino; selbstbewusst, sexy und mit einem flotten Mundwerk gesegnet, braucht sie niemanden und macht das Beste aus ihrem Leben. Nach dem Tod ihrer Mutter taucht Barry auf, einer ihrer Brüder, ein großspuriger, unerschrockener Pokerspieler, der es eilig hat, das Haus der Mutter zu verkaufen, um an Geld zu kommen. Mit ihrem Anteil des Geldes macht Lily sich auf, den anderen Bruder zu suchen, Mikey, den sie, genau wie den Rest der Familie, seit Jahren nicht gesehen hat. Die Suche führt sie nach London. Doch Lily ist nicht vorbereitet auf den Tumult, den Lärm und den Gestank der Metropole, und auch nicht auf die Erinnerungen an dunkle Familiengeheimnisse, die sie mit aller Macht einholen. In seinem ausdrucksstarken und von der britischen Presse gefeierten Debüt hat Ray Robinson eine Heldin geschaffen...
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Verstörend brutal und ungeheuer zärtlich
Eine echte literarische Entdeckung ist der 37-jährige Brite Ray Robinson: In seinem Debütroman Lily erzählt er sinnlich, kraftvoll und avanciert die Geschichte einer außergewöhnlichen Heldin. Von Karsten Herrmann
Wie ein visueller Faustschlag setzt der Roman mit einer Seite voller Comic-Schreie im Stile von "ARRRRG", "HARRR" oder "MMMM" ein. Typographisch simuliert wird damit einer jener epileptischen Anfälle, von denen Robinsons Protagonistin und Ich-Erzählerin Lily immer wieder heimgesucht wird: "Ich falle tief und ich falle oft."
Lily lebt alleine und zurückgezogen in einem kleinen englischen Badeort, wo sie in einem Casino arbeitet. Ihr Leben ändert sich radikal, als sie vom Tod ihrer Mutter erfährt und sich die schreckliche Vergangenheit wieder aufrollt: Eine Kindheit, die ihr von der Mutter zur Hölle gemacht wurde, die Trennung von ihren beiden Brüdern und die Abschiebung in ein Heim. Wie von einem inneren Albdruck befreit, macht Lily sich nun auf die Suche nach ihren beiden Brüdern.
Im brodelnden London droht sie dabei im wahrsten wie übertragenen Sinne des Wortes unter die Räder zu kommen und muss eine ganze Reihe von Abstürzen und Tiefschlägen verkraften. Doch immer wieder rappelt sie sich auf und trotzt, angetrieben von einem brennenden Verlangen nach Leben und Liebe, ihrer Krankheit und Hilflosigkeit.
Ein Flackern, Surren, Leuchten und Zucken
Lily ist zugleich ein verstörend brutaler wie auch ein ungeheuer zärtlicher und feinfühliger Roman mit einer heroischen Heldin, die permanent zwischen Himmel und Hölle schwankt. Ray Robinson packt den Leser durch seine ungeheuer dynamische und sinnliche Erzählweise. Welt und Leben rasen bei ihm in faszinierenden und originellen Bildern dahin, es ist ein Flackern, Surren, Leuchten und Zucken, ein wahres Feuerwerk. Wie selten zuvor ein Schriftsteller leuchtet er dabei das Phänomen der Epilepsie aus und zoomt sich in die sich urplötzlich verkrampfenden Zellen, Adern und Gehirnwindungen seiner Protagonistin. Hautnah erlebt der Leser die selbstzerstörerische Wucht und Gewalt dieser Krankheit, die Lily immer wieder ins Nichts schleudert. Auf rührend komische Art versucht diese sich kleine Rettungsanker zu setzen und schreibt so eines Tages an ihre eigene Wohnzimmerwand: "Keine Sorge zu Hause. Bett. Schlaf. Bald besser. Alles Liebe. Lily. XXX."
Karsten Herrmann
Auf der Suche nach sich selbst
Als Baby von der Mutter die Treppe heruntergestoßen, leidet die 30-jährige Lily an epileptischen Anfällen. Der englische Schriftsteller Ray Robinson beschreibt eine junge Frau in London auf der Suche nach sich selbst. Man glaubt nach der Lektüre, sie erst unlängst in der U-Bahn gesehen zu haben. Kess, trotzig und durch nichts auf der Welt kleinzukriegen.
Mam war an allem schuld. Die garstige Mutter, die Lily als Säugling die Treppe hinuntergeworfen und unheilbar geschädigt hat, sie verwahrlosen ließ. Die Rabenmutter, die sie ebenso wie ihre beiden älteren Brüder ins Heim gesteckt hat, damit sie sich zu Hause ungestört mit wechselnden Männerbekanntschaften amüsieren konnte. Kein Wunder also, dass Lily ausrastet, als sie an Mams Sterbebett gerufen wird, zu spät kommt und der Leiche eine schallende Ohrfeige verpasst. Denn jetzt ist sie in Sicherheit, jedenfalls vor der Mutter, wenn auch nicht vor den fürchterlichen Anfällen, die sie deren Grausamkeit zu verdanken hat.
Mit "Lily", seinem Debütroman, schildert der 37-jährige englische Schriftsteller Ray Robinson die Kehrseite des "cool Britannia", des Lebensgefühls in einem Land, das unter Tony Blairs New Labour prosperiert wie kaum ein anderes in Europa. Trist, grau und ärmlich ist der Badeort in Yorkshire, im Norden Englands, wo Lily aufwuchs und jetzt, 30 Jahre alt, an der Kasse eines Spielsalons sitzt. Hektisch, schmuddelig und heruntergekommen ist das London, in das sie später zieht, um ihren verschwundenen Bruder Mikey zu suchen. Hier muss man die Nerven behalten, Distanz wahren, denn Menschenfreundlichkeit wird prompt ausgenutzt und bitter bestraft. Nur keine Sentimentalitäten.
Aber dagegen ist Lily ohnehin gefeit. Schnoddrig ist der Ton, mit dem sie in der ersten Person von ihrem Dasein erzählt, einem Leben, das von Ecken und Kanten geprägt ist, der steten Vorstellung, "wie es sein wird, wenn du mit dem Schädel draufkrachst". Denn Lily hat, bedingt durch den Treppensturz, schwere epileptische Anfälle, die sie immer wieder umwerfen, sodass ihr ganzer Körper von Narben gezeichnet ist. Aber unterkriegen lässt sie sich von der Krankheit nicht, höchstens peinlich ist sie ihr, wenn sie wieder mal hilflos auf der Straße liegt und die Kontrolle über ihre Blase verliert.
Atemberaubend dicht und temporeich erzählt Ray Robinson die Geschichte dieses großen, rotzigen, verletzlichen und wunderbar lebenstüchtigen Mädchens. Mit expressiven Metaphern und einer mitunter geradezu psychedelischen Sprache lässt er den Leser an Lilys Wahrnehmung und Gefühlen teilhaben. Und wenn alle Wortkunst nicht mehr ausreicht, um das Zähneknirschen, die Schreie und die wilden elektrischen Entladungen in Lilys Hirn wiederzugeben, greift er auf reine Lautmalerei zurück.
Aber "Lily" ist weit mehr als nur eine Krankheitsgeschichte. Der Roman handelt in erster Linie von der Suche eines entwurzelten Menschen nach sich selbst, den Ursprüngen des eigenen Daseins, dem Ausloten der Vergangenheit, dem Bewerten von Bildern und Eindrücken aus der Kindheit, dem Begreifen des eigenen Ich. Denn nur dann, so ahnt Lily, kann sie sich freischwimmen, ist sie endgültig sicher vor dem Missbrauch, den sie einst erdulden musste.
Vor allem aber versteht es Robinson geradezu meisterhaft, dem Leser diese junge Frau nahezubringen. Man meint, diese Lily zu kennen, wenn man das Buch gelesen hat, glaubt sie erst unlängst in der U-Bahn gesehen zu haben oder im Bus. Kess, trotzig und durch nichts auf der Welt kleinzukriegen.
Rezensiert von Georg Schmidt
Spiegel Online - Von Fall zu Anfall
Von Marianne Wellershoff
Mit "Lily" hat der Brite Ray Robinson ein spannendes Debüt geschrieben: Die Geschichte einer Epileptikerin, die ihren verschwundenen Bruder sucht - und dabei die Welt und sich selbst findet.
Wer sich auf der britischen Seite von Wikipedia die Biografie des Autors Ray Robinson durchliest, wird sich einigermaßen wundern: Von Ziegen sei er aufgezogen worden, er habe ein Wörterbuch Englisch-Ziegisch, Ziegisch-Englisch veröffentlicht. Und eine finstere ziegenartige Sekte habe seine Bücher schließlich öffentlich verspeist, weshalb Robinson nun im Untergrund lebe.
Es findet sich dann noch der Hinweis der Wikipedia-Redaktion aus dem Jahr 2007, der Text bedürfe der Überarbeitung, um den Standards zu genügen.
Wer auch immer hinter "Pete500" steckt, der diese Nonsens-Biografie verfasst hat, ob es ein Freund, Feind oder gar der Schriftsteller selbst ist - Robinson behauptet in Interviews, er leide immer noch unter seiner buchlosen, einfachen Kindheit in North Yorkshire.
Er habe sich das Schreiben von Büchern mühsam erarbeiten müssen, habe sogar das Schreiben vor dem Lesen begonnen, weshalb sein erster, unveröffentlichter Roman als Schnipselberg geendet sei und der zweite, ebenfalls unveröffentlichte Roman mehr aus Form denn aus Inhalt bestanden habe.
Ist ja auch egal, was davon nun stimmt. Was zählt, ist das veröffentlichte Werk, und das ist der jetzt auf Deutsch erschienene Roman "Lily". Er basiert auf einer Kurzgeschichte, die Robinson, 37, während seines Creative-Writing-Studiums verfasste.
Die Ich-Erzählerin Lily O'Connor ist eine 30-jährige Epileptikerin, die in einem nordenglischen Küstenort an der Kasse eines Casinos arbeitet. Sie stammt aus der Arbeiter- und Arbeitslosenschicht, hat eine scheußliche Kindheit lang unter ihrer Mutter gelitten, die sie als Baby die Treppe runterfallen ließ, was wahrscheinlich Ursache der Epilepsie ist, und die ihre Tochter dann später in ein Heim steckte.
Zu ihren älteren Brüdern Barry und Mikey hat Lily seit Jahren keinen Kontakt. Sie hat sich in einen eingezwängten Alltag zurückgezogen zwischen kleiner Wohnung, in der sie die Wände mit Anweisungen an sich selbst vollgekritzelt hat, dem Casino und seltsamen, aber freundlich gesinnten guten Bekannten.
Alles ändert sich, als die verhasste Mutter stirbt und Lily gemeinsam mit ihren Brüdern ein kleines Vermögen aus dem Verkauf des rasant im Wert gestiegenen Elternhauses bekommt. Der Berufszocker Barry will mit dem Geld eine professionelle Pokerkarriere in den USA starten; Lily will es nutzen, um ihren verschwundenen Lieblingsbruder Mikey in London zu finden und ihm seinen Erbanteil zu geben.
Für die Epileptikerin ist die Reise in die Fremde ein schwieriges Abenteuer, aber sie lernt eine nette Lesbe kennen, die sie unterstützt bei ihrer Suche nach Mikey, geht endlich eine Beziehung mit einem Mann ein und wird allmählich zu einer Lily, die ihr Leben nicht mehr nach der Angst vor den Anfällen ausrichtet, sondern nach ihren eigenen Wünschen.
Das klingt ein wenig zu schön, um ein guter Roman zu sein, und tatsächlich hat die Geschichte reichlich viel Happy End. Aber wie Robinson sich seiner Heldin annähert, wie er zeigt, dass sich ihr Denken allmählich verklart, wie präzise er die epileptischen Anfälle beschreibt (seine Cousine war Epileptikerin), das ist wirklich eindrucksvoll. Und spannend ist die Geschichte, die er erzählt, noch dazu. Und trotz aller Tragik immer wieder lustig. Und weil Robinson auch Grafikdesign studiert hat, hat er die Anfälle grafisch dargestellt, als seitenlanges Buchstaben-Stöhnen und -Schreien "arrrrg, heeeeey, aaaaa, grie hrrnjarrGGG"). Das macht "Lily" ebenfalls zu einem besonderen Buch.
Buch Ray Robinson: "Lily". Aus dem Englischen von Gregor Hens. Mare Buchverlag, Hamburg; 384 Seiten; 19,90 Euro. Website von Ray Robinson.
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LILY
Ray Robinson
Wer ist der Autor?
Ray Robinson wurde mehrfach für seine Kurzgeschichten ausgezeichnet. "Lily" ist sein erster Roman. Robinson hat viele Jahre in Osteuropa und Skandinavien verbracht und lebt heute in London.
Worum geht es?
Die zynische Lily lebt alleine und zurückgezogen in einem kleinen englischen Badeort, wo sie in einem Casino arbeitet. Ihr Leben ändert sich radikal, als sie vom Tod ihrer Mutter erfährt und sich die schreckliche Vergangenheit wieder aufrollt: Eine Kindheit, die ihr von der Mutter zur Hölle gemacht wurde: Sie wurden von ihren beiden Brüdern getrennt und in ein Heim abgeschoben. Wie von einem inneren Albdruck befreit, macht Lily sich nun auf die Suche nach ihren Brüdern.
Für wen?
Für alle, die sich eine amüsante Lektüre mit einer abgeklärten Anti-Heldin gönnen möchten.
INFOMATIONEN ZUM BUCH
Titel: Lily
AutorIn: Ray Robinson
Verlag: marebuchverlag
Preis: EUR 19,90 Euro
Erscheinungsjahr: 2008
ISBN: 3866480903